Die häufigste Frage, die Einkäufer in Europa zur Beschaffung aus der Türkei stellen, betrifft den Zoll: „Die Türkei ist kein EU-Mitglied; müssen wir Zollgebühren zahlen, und wie hoch ist der Dokumentationsaufwand?“ Die Antwort ist weitaus positiver, als viele erwarten. Die seit 1996 geltende Zollunion zwischen der EU und der Türkei hat die Zölle auf Industrieprodukte zwischen beiden Seiten abgeschafft und die Anwendung eines gemeinsamen Zolltarifs eingeführt. Dieser Artikel erläutert, wie dieses System speziell bei CNC-bearbeiteten Teilen funktioniert.
Was ist eine Zollunion?
Eine Zollunion stellt eine weitergehende Integrationsstufe dar als ein Freihandelsabkommen. Die Türkei und die EU haben bei Industrieerzeugnissen und verarbeiteten Agrarprodukten:
- die Zölle und gleichwertigen Abgaben zwischen ihnen abgeschafft;
- Sie wenden gegenüber Drittländern einen gemeinsamen Zolltarif an;
- Sie sorgen für die Angleichung der Handelspolitik und der technischen Vorschriften.
Praktische Folge: Ein Industrieerzeugnis, das sich in der Türkei im freien Verkehr befindet – sei es in der Türkei hergestellt oder aus einem Drittland importiert und verzollt –, gelangt ohne Zahlung von Zöllen in die EU. Dazu gehören mit CNC-Dreh- und Fräsmaschinen bearbeitete Metallteile, montierte Baugruppen und Maschinenkomponenten.
Was ist ein A.TR-Warenverkehrsbescheinigung?
Das A.TR-Warenverkehrsbescheinigung ist ein Dokument, das bescheinigt, dass sich die Ware in der Türkei (oder in der EU) im freien Verkehr befindet. Es ist ein Instrument zur Umsetzung der Zollunion und kein Ursprungszeugnis: Es belegt nicht, dass die Waren türkischen Ursprungs sind, sondern dass sie sich im freien Verkehr befinden. Daher werden auch Teile, die in der Türkei aus importierten Rohstoffen (z. B. Stahl oder Aluminium europäischen Ursprungs) hergestellt wurden, mit einem A.TR-Zertifikat zollfrei exportiert.
A.TR-Bescheinigung:
- wird vom türkischen Exporteur ausgestellt und von der türkischen Zollbehörde oder von autorisierten Stellen (elektronisch über das TOBB-System) bestätigt;
- wird als ein Dokument pro Sendung zusammen mit der Rechnung und der Ladeliste dem Spediteur ausgehändigt;
- wird der Einfuhranmeldung bei der EU-Zollbehörde beigefügt; es gilt ein Zollsatz von null.
Der Unterschied zwischen A.TR und EUR.1
| A.TR | EUR.1 / Ursprungserklärung | |
|---|---|---|
| Anwendungsbereich | Industrieerzeugnisse zwischen der EU und der Türkei | STA-Länder: Vereinigtes Königreich, EFTA (Schweiz, Norwegen), sonstige |
| Was wird damit nachgewiesen | Freier Warenverkehr | Präferenzursprung (türkischer Ursprung) |
| Rohstoffbeschränkung | Keine (es dürfen importierte Rohstoffe verwendet werden) | Es gelten die Ursprungsregeln |
| Ergebnis | 0 % Zoll | 0 % oder ermäßigter Zollsatz |
Bei Verkäufen nach Großbritannien wird keine A.TR-Bescheinigung, sondern eine Ursprungserklärung im Rahmen des Freihandelsabkommens zwischen Großbritannien und der Türkei verwendet; Einzelheiten finden Sie in unserem Leitfaden für Großbritannien. Für die Schweiz gilt das EUR.1-Zertifikat oder eine Rechnungserklärung; siehe Leitfaden für die Schweiz.
Wie wird die Mehrwertsteuer angewendet?
Auch wenn der Zollsatz bei Null liegt, unterliegen Einfuhren in die EU der Einfuhrumsatzsteuer. Diese Umsatzsteuer wird im Land des Importeurs deklariert und von umsatzsteuerpflichtigen Unternehmen abgezogen; es handelt sich also nicht um einen Endpreis. Praktische Hinweise nach Ländern:
- Deutschland: Die Einfuhrumsatzsteuer wird erklärt und als Vorsteuer verrechnet.
- Frankreich: Ab 2022 obligatorische Selbstveranlagung – keine Zahlung beim Zoll.
- Niederlande: Aufschub gemäß Artikel 23 – keine Zahlung beim Zoll.
- Österreich: Verrechnung über die EUSt in der UVA.
- Italien, Spanien, Belgien: Standardmäßige Erklärung und Verrechnung; Stundungsregelungen sind unter bestimmten Voraussetzungen möglich.
Erforderliche Unterlagen
- Handelsrechnung: Angaben zum Exporteur und Importeur, EORI-Nummer des Importeurs, GTIP-/HS-Code (8-stelliger KN-Code), Incoterms, Währung und Wert.
- Packliste: Artikelnummer, Stückzahl, Brutto-/Nettogewicht, Anzahl der Kartons.
- A.TR-Warenverkehrsbescheinigung: Beglaubigt, mit der Sendung übereinstimmend.
- Beförderungsdokument: CMR (Straßentransport), AWB (Luftfracht) oder Frachtbrief.
- Einfuhrzollanmeldung: Wird elektronisch vom Spediteur oder Zollberater bei der EU-Zollbehörde eingereicht.
Bei einer routinemäßigen Sendung wird die Zollabfertigung in der Regel noch am selben Tag abgeschlossen; beim Straßentransport muss das Fahrzeug nicht an der Grenze oder am Bestimmungszollamt warten.
GTIP-/HS-Codes für CNC-Teile
Die korrekte Einreihung liegt in der Verantwortung des Importeurs; die gängigsten Codes:
- 7326 90 – sonstige Waren aus Eisen oder Stahl (allgemeine bearbeitete Stahlteile);
- 7616 99 – sonstige Waren aus Aluminium;
- 7419 80 – sonstige Waren aus Kupfer/Messing;
- 8487 90 – Maschinenteile (anderweitig nicht genannt);
- 8483 – Wellen, Lager, Zahnräder;
- 8481 90 – Ventilteile;
- 7318 – Schrauben, Muttern, Bolzen und ähnliche Verbindungselemente.
Der Endverwendungszweck des Teils (z. B. Motor- oder Pumpenteile) erfordert möglicherweise einen spezifischeren Code. Bitte klären Sie dies mit Ihrem Zollberater ab; aufgrund der Zollunion hat die Wahl des Codes keinen Einfluss auf den Zollsatz, sondern dient lediglich der statistischen Erfassung und der Einhaltung der Rechtsvorschriften.
Häufige Fehler
- Das A.TR-Formular wird nicht mit der Sendung mitgeliefert: Das Dokument kann zwar nachträglich vorgelegt werden, doch die Zollsicherheitsleistung und das Berichtigungsverfahren sind zeitaufwendig. Nehmen Sie das A.TR-Formular gemeinsam mit Ihrem Lieferanten in den Standard-Dokumentenumfang auf.
- Fehlende EORI-Nummer: Für Einfuhren in die EU ist die EORI-Nummer des Importeurs zwingend erforderlich.
- Nichtübereinstimmung zwischen Rechnung und A.TR-Bescheinigung: Abweichungen bei Stückzahl, Wert oder Beschreibung führen zu Rückfragen.
- Versand eines A.TR-Dokuments nach Großbritannien: Nach dem Brexit ungültig; eine Ursprungserklärung ist erforderlich.
- Fehlerhafte Codes: Auch wenn keine steuerlichen Auswirkungen bestehen, bergen Fehler in der Zollanmeldung das Risiko von Strafen.
Hinweis zur CBAM (Kohlenstoffgrenzregelung)
Die CBAM-Verordnung der EU gilt ab 2026 für bestimmte Eisen-, Stahl- und Aluminiumprodukte. Der Geltungsbereich umfasst vorwiegend Rohstoffe und Halbzeuge (Knüppel, Bleche, Profile, Draht); verarbeitete Maschinenteile sind weitgehend ausgenommen, allerdings sind einige Codes der Positionen 7326 und 7616 in der Liste aufgeführt. Regelmäßige Importeure sollten die Produkte in Zusammenarbeit mit ihren Zollberatern auf Produktbasis überprüfen. Türkische Lieferanten bereiten sich darauf vor, die für die CBAM-Meldung erforderlichen Emissionsdaten bereitzustellen.
Häufig gestellte Fragen
Wer stellt das A.TR-Zertifikat aus?
Es wird vom türkischen Exporteur ausgestellt und von der türkischen Zollbehörde beglaubigt; der Importeur muss keine weiteren Schritte unternehmen.
Gilt das A.TR-Zertifikat für Teile, die in der Türkei aus importierten Rohstoffen hergestellt wurden?
Ja. Das A.TR-Zertifikat ist kein Ursprungszeugnis, sondern ein Freiverkehrszertifikat; es gilt, sofern die Rohstoffe – unabhängig von ihrer Herkunft – in der Türkei verzollt und verarbeitet wurden.
Ist ein Zollberater erforderlich?
Dies ist nicht zwingend erforderlich, doch in der Praxis reicht der Spediteur oder der Zollberater die Einfuhranmeldung ein; pro Sendung wird eine Pauschalgebühr erhoben.
Ist für den Versand von Mustern ebenfalls ein A.TR-Zertifikat erforderlich?
Es wird für alle Sendungen mit kommerziellem Wert empfohlen; bei geringwertigen Mustern ist eine vereinfachte Zollanmeldung möglich, wobei der Zollsatz ebenfalls null beträgt.
Fazit
Die Zollunion und das A.TR-Zertifikat stellen die Beschaffung von CNC-Teilen aus der Türkei in Bezug auf die Zollgebühren auf das gleiche Niveau wie die Beschaffung innerhalb der EU. Mit den richtigen Unterlagen wird der Prozess bereits nach wenigen Sendungen zur reinen Routine. Für weitere Aspekte der Beschaffung aus der Türkei können Sie unseren umfassenden Leitfaden sowie unseren Logistikleitfaden zu Transportmöglichkeiten einsehen und ein Angebot für Ihre Teile anfordern.



