Der häufigste Fehler von Einkaufsabteilungen ist, einen Stückpreisvergleich für eine Beschaffungsentscheidung zu halten. Der Stückpreis ist die sichtbarste Komponente der Gesamtkosten, macht aber oft den kleinsten Unterschied. Die Gesamtbetriebskosten (TCO – Total Cost of Ownership) berücksichtigen alle Kosten vom Angebot bis zum Eintreffen des Teils am Verbrauchsort und zur Lösung möglicher Probleme. Dieser Beitrag bildet die Zahlengrundlage unserer Vergleiche Türkei–China und Türkei–Indien.

TCO-Positionen: jenseits des Stückpreises

PositionBerechnungNearshore (Türkei → EU)Offshore (Fernost → EU)
1. StückpreisAngebotReferenzMeist 10–30 % niedriger (teileabhängig)
2. FrachtPaletten-/Containerkosten ÷ StückzahlLkw; 2–6 % des TeilewertsSeefracht + Hafen + Nachlauf; 4–10 %; Luftfracht 15–30 %
3. ZollZollwert × Satz0 % (A.TR)Typisch 1,7–4,7 % (je HS-Code; bei manchen Positionen 0 %)
4. Zollabwicklung und DokumenteAnmeldegebühr, Ursprungszeugnis, BeschauEinfache EinfuhranmeldungAnmeldung + Ursprung + mögliche Beschau; höher
5. TransportbestandTeilewert × Transporttage / 365 × Kapitalkosten5–7 Tage35–60 Tage
6. SicherheitsbestandZusatzbestand gegen Lieferzeitunsicherheit × Lagerkostensatz (15–25 %/Jahr)2–3 Wochen Bestand6–10 Wochen Bestand
7. QualitätsrisikoFehlerwahrscheinlichkeit × (Loswert + Bandstillstand + Neuversand)Niedrig; Nachlieferung in 1 WocheMittel; Nachlieferung in 6–8 Wochen; Rettung per Luftfracht teuer
8. Änderungen und Engineering ChangesZeit bis das geänderte Teil am Band ist × Verschrottungsrisiko des Altbestands3–5 Wochen; kleiner Bestand verschrottet10–14 Wochen; großer Bestand unterwegs und im Lager verschrottet
9. Kommunikation und SteuerungPersonalstunden Einkauf/QualitätGleicher Arbeitstag, 1–2 Stunden Differenz6–7 Stunden Differenz, verzögerte Antworten, mehr Steuerungsaufwand
10. Reisen und AuditsAnzahl Besuche × Kosten2–4 Flugstunden, Tagesreise; 500–1.000 €10–12 Flugstunden, 3–5 Tage; 3.000–5.000 €
11. ZahlungsbedingungenAnzahlung × Dauer × Kapitalkosten; AkkreditivgebührenTeilanzahlung oder offenes ZielOft 30–50 % Anzahlung; Akkreditivkosten
12. Währungs- und PreisrisikoVertragswährung, FrachtvolatilitätEuropreis, stabile Lkw-FrachtUSD-Preis, hohe Volatilität der Containerraten
13. LieferkettenrisikoStörungswahrscheinlichkeit × AuswirkungLkw, mehrere RoutenHafenstaus, Route Rotes Meer/Suez, Geopolitik
14. CO₂-Fußabdruck / CBAMTonnenkilometer-Emissionen; BerichtsaufwandNiedrig; Lkw 2.000–3.000 kmHoch; See 15.000+ km; CBAM-Berichtspflicht bei manchen Stahl-/Aluminiumprodukten

Beispielrechnung: gefrästes Aluminiumgehäuse

Annahmen: gefrästes Gehäuse aus EN AW-6082, 6.000 Stück/Jahr in 12 Losen; Kapitalkosten 8 %/Jahr; Lagerkostensatz 20 %/Jahr; deutscher Abnehmer.

Position (€/Stück)Türkei (Nearshore)Fernost (Offshore)
Stückpreis24,0019,50
Fracht (Lkw / See + Nachlauf)0,901,40
Zoll0,000,55 (Annahme 2,7 %)
Zollabwicklung und Dokumente0,100,25
Transportbestand (6 Tage / 45 Tage, 8 %)0,030,19
Sicherheitsbestand (2,5 Wochen / 8 Wochen, 20 %)0,230,60
Qualitätsrisiko (1 % × 1 Woche / 3 % × 7 Wochen Wiederbeschaffung)0,251,10
Änderungsrisiko (1 Änderung/Jahr, verschrotteter Bestand)0,200,75
Steuerungsaufwand0,300,70
Reisen/Audit (1× jährlich / 1× alle 2 Jahre)0,120,35
Kosten der Zahlungsbedingungen0,050,20
TCO26,1825,59

Ergebnis: Der Stückpreisunterschied von 19 % schrumpft in den TCO auf 2 %, und Währungsschwankungen, eine Lieferkettenstörung oder ein einzelnes Qualitätsproblem kehren diesen Unterschied leicht um. Liegt der Stückpreisunterschied unter 10 %, ist Nearshore in den meisten Szenarien günstiger. Die Zahlen sind hypothetisch; das Modell ist einfach und transparent, damit Sie mit eigenen Daten rechnen können. Zu den Kostenelementen auf türkischer Seite siehe unseren Kostenvergleich.

Welches Modell gewinnt bei welchem Teil?

  • Für Offshore: sehr hohe Stückzahlen (100.000+), einfache, konstruktiv eingefrorene, geringwertige Teile mit niedrigem Qualitätsrisiko; Produkte ohne erwartete Änderungen; Teile mit dominierendem Werkstoffanteil.
  • Für Nearshore: mittlere Serien (100–50.000), technische, tolerierte, dokumentierte Teile; neue Produkte mit hoher Änderungsfrequenz; Montageteile mit hohen Bandstillstandskosten; kleine Lose vieler Sachnummern; Projekte vom Prototyp zur Serie; Produkte mit kurzer Time-to-Market.
  • Mischmodell: Viele Unternehmen beschaffen eingefrorene Hochvolumenteile offshore, den Rest nearshore, und halten Nearshore bei kritischen Teilen als zweite Quelle.

Die unsichtbaren Kosten: Flexibilität

Die am schwersten zu quantifizierende Position der TCO-Tabelle ist die Flexibilität: 30 % mehr Nachfrage, ein Eilauftrag eines Kunden, eine Konstruktionsänderung in letzter Minute. Bei Nearshore-Beschaffung werden solche Fälle mit einem Anruf und 3–4 Wochen gelöst; offshore bedeuten sie Luftfracht (5- bis 8-fache Kosten der Seefracht) oder entgangene Umsätze. Der Wert der Flexibilität ist in frühen Phasen des Produktlebenszyklus und in Märkten mit hoher Nachfrageschwankung am größten.

So führen Sie die TCO-Analyse in Ihrem Unternehmen durch

  1. Wählen Sie 10–20 Teile mit hoher Jahresstückzahl oder kritischer Bedeutung.
  2. Füllen Sie die 14 Positionen oben für jede Beschaffungsoption mit eigenen Daten; verwenden Sie für Unbekanntes konservative Annahmen und dokumentieren Sie sie.
  3. Leiten Sie Qualitäts- und Änderungsrisiko aus Ihren historischen Daten ab (Reklamationsquote, Änderungen pro Jahr).
  4. Führen Sie eine Sensitivitätsanalyse durch: Was passiert, wenn die Fracht 50 % steigt, der Kurs 10 % schwankt, ein Los abgelehnt wird?
  5. Präsentieren Sie das Ergebnis nicht nur als Stückpreis, sondern als TCO und Risikoprofil.

Um die Positionen auf türkischer Seite zu klären, senden Sie Ihre Teile im Anfrageformat; ein positionsweises Angebot mit Fracht, Dokumenten und Zahlungsbedingungen füllt die TCO-Tabelle direkt.

Häufig gestellte Fragen

Wie groß muss der Stückpreisunterschied sein, damit Offshore sinnvoll ist?

Bei technischen Teilen in mittleren Serien meist über 20–25 %; bei einfachen Hochvolumenteilen kann ein kleinerer Unterschied genügen. Die endgültige Antwort gibt Ihre eigene TCO-Rechnung.

Gilt die Türkei als „Nearshore“?

Für die EU ja: Zollunion, 1 Woche Lkw-Transport und überlappender Arbeitstag stellen die Türkei in dieselbe Kategorie wie Osteuropa. Den Rahmen erläutern wir in unserem EU-Überblick.

Löst Luftfracht den Laufzeitnachteil von Offshore?

Sie löst die Laufzeit und ruiniert die Kosten: Fracht zum 5- bis 8-fachen Seefrachtsatz tilgt den Stückpreisvorteil meist vollständig. Sie sollte ein Notfallinstrument bleiben.

Erhöht Dual Sourcing die TCO?

Kurzfristig kommen geringe Einrichtungskosten hinzu; die Risikokosten sinken deutlich. Bei kritischen Teilen ist eine Nearshore-Zweitquelle die günstigste Versicherung.

Fazit

Die richtige Beschaffungsentscheidung bei CNC-Teilen fällt über die Gesamtbetriebskosten, nicht über den Stückpreis; rechnet man Fracht, Zoll, Bestand, Qualität, Änderungen und Risiko hinzu, liegt die Nearshore-Beschaffung aus der Türkei bei technischen Teilen in mittleren Serien gleichauf mit oder unter Fernost – bei deutlich geringerem Risiko. Wenn Sie echte Türkei-Zahlen für Ihre eigene TCO-Rechnung möchten, senden Sie Ihre technischen Zeichnungen über unser Angebotsformular; das positionsweise Angebot inklusive Fracht und Dokumenten kommt innerhalb von 24 Stunden.