Die Vorteile, die die Türkei Schweizer Unternehmen bietet, kennen Sie: 35–50 % Kostenvorteil gegenüber dem starken Franken, Erfahrung im Langdrehen und in der Mikrometerpräzision, zollfreier Handel im Rahmen des EFTA-Abkommens. Dieser Beitrag erklärt Schritt für Schritt, wie Sie die erste Bestellung in der Praxis aufgeben; da die Schweiz kein EU-Mitglied ist, unterscheidet sich der Zollschritt von den EU-Ländern, und diese Unterschiede erläutern wir besonders.

Schritt 1: Technische Unterlagen vorbereiten

Schweizer Zeichnungen werden nach SN EN ISO erstellt und in der Türkei problemlos gelesen; deutsche oder französische Vermerke sind meist kein Problem, eine englische Entsprechung kritischer Vermerke verhindert jedoch Fehler. Das ideale Paket:

  • STEP (AP214/AP242) 3D-Modell + technische Zeichnung als PDF; Revisionsnummern müssen übereinstimmen.
  • Werkstoff mit EN- oder DIN-Güte (medizinische Edelstähle wie 1.4404, 1.4435, 1.4441; 42CrMo4; EN AW-7075; CW614N; bei Ti Gr. 5 ein Normverweis wie ASTM F136). Bei medizinischen Werkstoffen Norm und erwartetes Werkstoffzeugnis angeben.
  • Allgemeintoleranz (ISO 2768-fH oder mK) und Form- und Lagetoleranzen mit Bezügen; anzugeben, welche der auf Schweizer Zeichnungen häufigen engen Toleranzen funktional sind, senkt den Preis.
  • Oberflächenrauheit (Ra/Rz), Kantenbrechen, Sauberkeits- und Verpackungsanforderungen (bei Medizinteilen Partikel- und Ölfreiheit).
  • Jahresstückzahl, Losgröße, Erstbestellmenge und Wunschtermin.
  • Dokumentationsanforderungen: Messprotokoll, EN 10204 3.1, FAI, bei Bedarf Prozessvalidierung.

Schritt 2: Angebote einholen und vergleichen

Senden Sie die Anfrage an 2–3 türkische Lieferanten; vergleichen Sie die Angebote Position für Position: Stückpreis (Mengenstaffel), Rüsten, Zeugnis, Messprotokoll, Verpackung, Lieferbedingung und Lieferzeit. Zwei Punkte sind für Schweizer Einkäufer wichtig: Sie können das Angebot in EUR oder CHF verlangen (türkische Lieferanten kalkulieren meist in EUR, eine CHF-Referenz kann ergänzt werden), und Sie sollten im Angebot nach der Messmethode für eng tolerierte Merkmale fragen. Ein Lieferant, der mit dem Angebot Toleranz-/DFM-Empfehlungen sendet, zeigt Prozessdisziplin. Siehe unseren Anfrage-Leitfaden.

Schritt 3: Kommerzielle Bedingungen klären

Incoterms

FCA Istanbul (Ihr eigener Spediteur holt ab) oder DAP (der türkische Lieferant liefert bis zu Ihrer Adresse in der Schweiz; Einfuhranmeldung und MWST liegen bei Ihnen) sind die praktischsten Optionen. DDP ist selten und nicht empfehlenswert, da es eine MWST-Registrierung des Verkäufers in der Schweiz erfordert. Details in unserem Incoterms-Leitfaden.

Zahlung

SWIFT-Überweisung ist Standard; bei Erstbestellungen Teilanzahlung (30–50 %) + Restzahlung vor Versand, in laufenden Beziehungen 30 Tage offenes Ziel. Die in der Schweiz üblichen 30 Tage netto sind auch für türkische Lieferanten ein akzeptabler Einstieg. Bei EUR als Währung bleibt das Kursrisiko auf türkischer Seite, bei CHF auf Ihrer; halten Sie das im Vertrag fest.

Vertrag und Vertraulichkeit

Englisches oder deutsches NDA und Qualitätsvereinbarung genügen. Da der Know-how-Schutz in Medizintechnik und Uhrenindustrie kritisch ist, wird das NDA häufig vor der Anfrage unterzeichnet; türkische Lieferanten sind daran gewöhnt. Anwendbares Recht und Schiedsort (Zürich oder Istanbul) sollten festgelegt werden.

Schritt 4: Muster und Erstmusterfreigabe

Fordern Sie bei der Erstbestellung 1–5 Musterteile und ein vollständiges Messprotokoll anhand einer Stempelzeichnung an (Erstmusterprüfbericht / EMPB). Bei eng tolerierten Merkmalen sollten Messgerät und Messunsicherheit im Protokoll erscheinen; Schweizer Qualitätsteams achten darauf. Prüfen Sie das Protokoll mit eigener Messung; nach der Freigabe beginnt die Serie. Bei Medizinteilen kann zusätzlich zur FAI eine Prozessvalidierung (Cpk an kritischen Merkmalen) verlangt werden. Der Ablauf ist in unserem FAI-Leitfaden beschrieben.

Schritt 5: Zoll und Einfuhr: Besonderheiten der Schweiz

Da die Schweiz nicht zur EU-Zollunion gehört, wird keine A.TR verwendet; der Ablauf ist wie folgt:

  • Zoll: Die Schweiz hat die Industriezölle zum 1. Januar 2024 einseitig abgeschafft; CNC-bearbeitete Metallteile gelangen unabhängig vom Ursprung zollfrei ins Land. Zusätzlich kann im Rahmen des Freihandelsabkommens EFTA–Türkei für Waren türkischen Ursprungs eine EUR.1 oder Ursprungserklärung auf der Rechnung ausgestellt werden; zollrechtlich nicht mehr nötig, kann der Ursprungsnachweis dennoch nützlich sein (z. B. bei der Wiederausfuhr Ihrer Produkte in die EU). Zum Ursprungsnachweis siehe unseren Leitfaden zu A.TR und Ursprung.
  • MWST: Bei der Einfuhr werden 8,1 % MWST auf den Zollwert (Ware + Fracht) erhoben; MWST-pflichtige Unternehmen rechnen sie in der Abrechnung an. Regelmäßige Importeure können das Verlagerungsverfahren beantragen.
  • Anmeldung: Spediteur oder Zolldeklarant gibt die Einfuhranmeldung über e-dec/Passar mit Ihrer UID-Nummer ab. Handelsrechnung, Packliste und Transportdokument genügen.
  • Logistik: Lkw von Istanbul nach Zürich, Basel oder Genf 5–7 Arbeitstage Haus zu Haus (Route Balkan–Österreich, Verzollung an der Schweizer Grenze); Luftfracht 1–2 Tage; Expresskurier für kleine Muster 2–3 Tage (der Kurier zieht die MWST ein).

Schritt 6: Serienlieferung und kontinuierliche Verbesserung

Abrufaufträge (Rahmenvertrag + Abrufe) und losweise Lieferungen sind üblich. Messprotokoll und Zeugnisse liegen jedem Los bei; bei Medizinteilen steht die Losrückverfolgbarkeit (Losnummer, Chargennummer) auf dem Etikett. Nach den ersten 2–3 Losen sind Preis, Verpackung und Rhythmus eingespielt; für die jährliche Preisanpassung sollte eine werkstoffindexierte Regel festgelegt werden.

Häufige Fehler

  • Eine A.TR erwarten: Sie gilt nicht für die Schweiz; Zoll fällt ohnehin nicht an, bei Bedarf wird eine EUR.1 verwendet.
  • DDP verlangen: erfordert eine MWST-Registrierung des Verkäufers in der Schweiz; DAP ist praktischer.
  • Alle Toleranzen so eng belassen wie für den Schweizer Inlandslieferanten; das Lockern nicht funktionaler Toleranzen senkt den Preis deutlich.
  • Bei per Kurier eintreffenden Mustern nicht mit dem MWST-Einzug rechnen.
  • Medizinische Sauberkeits- und Verpackungsanforderungen nicht in der Anfrage angeben; nachträglich ergänzte Anforderungen ändern den Preis.

Häufig gestellte Fragen

Kann ich technische Zeichnungen auf Deutsch oder Französisch senden?

Ja; Maße und Symbole sind international, Deutsch wird weithin verstanden. Eine englische Entsprechung kritischer französischer Vermerke ist hilfreich.

Wie viel Zeit sollte ich für die erste Bestellung einplanen?

Angebot 1–2 Tage, Muster 1–3 Wochen, Serie nach Freigabe 3–5 Wochen, Transport 5–7 Tage: Das erste Serienlos liegt typischerweise nach 7–10 Wochen bei Ihnen.

Wie läuft eine Reklamation ab?

Meldung mit Foto- und Messnachweis, 8D-Bericht, Nachfertigung oder Gutschrift; schriftlich in der Qualitätsvereinbarung festgelegt. Per Luftfracht ist eine Nachlieferung in 1–2 Tagen möglich.

Muss ich den Lieferanten in der Türkei besuchen?

Nicht zwingend; von Zürich und Genf ist Istanbul mit 3 Stunden Direktflug als Tagesaudit erreichbar. Bei Medizin- und Verteidigungsteilen ist ein Besuch vor der ersten Serie üblich.

Fazit

CNC-Lohnfertigung von der Schweiz in die Türkei zu vergeben ist ein planbarer Prozess aus dem richtigen Dateipaket, positionsweisem Angebot, sorgfältiger Musterfreigabe und einer einfachen Einfuhranmeldung (kein Zoll, 8,1 % MWST). Senden Sie Ihre technischen Zeichnungen und Stückzahlen über unser Angebotsformular; Sie erhalten innerhalb von 24 Stunden ein positionsweise kalkuliertes Angebot in EUR (auf Wunsch mit CHF-Referenz). Die Prozessschritte finden Sie auf unserer Seite So arbeiten wir.